Häuptling eigener Herd

Five o’clock tea in London

von | 17. November 2020 | Häuptling eigener Herd

Five o’clock tea in London

Es ist schon eine ganze Weile her, mitten in St. James, Londons feinster Gegend, hatte sich die Familie mit mir für drei Tage niedergelassen. Das mag kurz erscheinen, aber London ist kein Schnäppchen. Nach zwei Tagen war unser geplantes Budget aufgebraucht. Das “Ritz” lag gleich um die Ecke, berühmt für den “Five o’clock tea”, und ich beschloss beim ersten Alleingang: Nichts wie hin! Klischees wollen bisweilen aufgefrischt, Vorurteile geschürt werden. Doch meine Vorfreude wurde rüde gestoppt: Der Portier des “Ritz” hob die weißen Handschuhflächen, als wollte er Kreuzigungsmale vorweisen. Sein Pferdegesicht wirkte indes weit trauriger und länger als das von Jesus.

Ich ließ mich nicht entmutigen und stapfte zurück ins “Dukes Hotel”, um die Jeans gegen etwas Vornehmeres einzutauschen. Vor die Wahl gestellt zwischen Cordsamt und Flanell, zog ich sicherheitshalber gleich mein edelstes Stück über die Stachelbeerbeine – die beste Hose mit fabrikneuer Bügelfalte – und warf mir dazu das Jackett um die Wampe. So drapiert berannte ich das “Ritz” aufs Neue.

Doch die Handschuhe des Hotelschützers sannen wiederum auf Abwehr. Mein schniekes Polohemd erregte Anstoß, obwohl “Boss” drauf stand, denn es fehlte ihm eine schlichte, begütigende Krawatte. Ich startete zu einem letzten, krawattenbehängten Versuch. Der Türwächter, aufgedonnert mit Litzen und Goldbordüren, balzte vor dem Eingang noch immer wie ein südamerikanischer Diktator. Taktvoll mit dem Kopf wackelnd, wurde ich beäugt, aber ich hatte endgültig verspielt. Seine Majestät äugten unangenehm berührt, geradezu belästigt, auf meine neuen weißen Turnschuhe. Zugegeben: Die Dinger sahen beschissen aus, denn sie waren ein Notkauf gewesen, weil mir die handgenähten englischen Treter beim Kampf ums “Ritz” bereits eine Marschblase beschert hatten. Doch damit war das Erlebnis und die Sozialstudie „Teatime“ endgültig vorbei.

Am nächsten Tag kümmerte ich meine Frau um mein Outfit, Krawatte Atemnot, Doppelmanschette undsoweiter. Meine Quatratfüße wurden in die englischen Schuhe gezwängt und es wurde nicht gelaufen, denn suche Schuhe sind nicht zum Laufen handgenäht, sondern um sie bei Talkshows in die Kamera zu strecken. Das Taxi kämpfte sich zum Hotel Claridge durch. Gukenschnittchen u.s.w. Tea obligat, aber der Wunsch nach einem Single Malt wurde mir nicht erfüllt. “Whiskytime is anytime and anytime is now”!
Von wegen. Der schönsten Kellner der Welt begrüßte uns sehr artig. Mir stockte der Atem. Zwar steckte ich in edlem zwirn, kam mir ihm gegenüber aber vor wie ein verkleideter Bauernseckel aus Stuttgart, was ja eigentlich den Tatsachen entsprach. Der junge Herr, in Samtknickebockers, mit Schulterklappen und vielen Litzen am Wams, er dünkte mir als wäre er der Leibgarde der Queen entsprungen. Trotzdem sah er keineswegs aus wie ein Faschingsprinz, sondern wie ein Thronfolger. Er hob die steife Lippe: Whisky nicht um fünf Uhr erst ab 6 Uhr am Abend.

Unsere Londonforschungen vertrugen jedoch keinen Aufschub. Ein Menü im “Connaughts” war auf 7 Uhr anberaumt. Diese Edelatzung wäre aber eine andere Geschichte. So verging unser letzter Abend. Danach hatte ich die Upperclass so gründlich eingesogen, um bis heute daran zu zehren. Soviel kann ich sagen, die gehobenen Stände in GB zu beobachten ist mir mehr wert als die Salzburger Festspiele. Billig ist beides  nicht. Erben mögen entspannter denken, ich aber muss um mein Geld nicht arbeiten, sondern auf gut schwäbisch, “richtig drum schaffa”. Einmal London im Leben muss genügen.