Die Kuh

Die Kuh

Zweifarbiger Holzschnitt mit einem  Moritat auf den Rostbraten. Rezept im Magnesium-Klischee-Satz, ebenfalls auf handgeschöpftem Bütten.
Holzschnitt auf Büttenkarton, DIN A4

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Grimod de la Reynière. -Die ersten Restaurants-

Die ersten Restaurants

Schon immer gab es in Paris Herbergen und Tavernen mit „Table d’hôte“, womit eine Art Tagesgericht gemeint ist – alle sitzen gemeinsam am Tisch und essen dasselbe. Auch Speisen, die man sich nach Hause liefern lassen konnte, gab es früher schon. Vor der Revolution konkurrierten bereits über 300 Rotisserien und 200 Traiteure um die Gunst des gehobenen Bürgertums. Letztere stellten kalte Platten her, Ragouts und Suppen, in den Rôtisserien wurde gebraten, gegrillt, geröstet und vorwiegend Hühnchen und Bratenstücke angeboten. Das ist bis heute so geblieben.

An einem Sonntagmorgen hatte ich mit einem elektrisch betriebenen Golfwägelchen die weitläufigen Gärten Versailles abgekurvt. Bevor ich mich zum Mittagessen ins Hotel „Trianon“ verziehen würde, spazierte ich in den Ortskern des kleinen, feinen Städtchens. Ich geriet in ein Wochenmarktgewusel, das sich gewaschen hatte. Jede Menge Obst- und Gemüsestände, alles vom Feinsten, denn in Versailles wohnt auch heute noch nicht das Prekariat. Vor mir breiteten sich Verkaufsstände mit herrlich anzuschauenden Gemüsen aus, aus das Obst war eine Augenweide. Und wenn ich mich mal als Fachmann vorwagen darf, ich sehe es den Geschenken der Natur an ob sie bloß schön sind, oder obendrein auch noch sortentypisch schmecken. Ein Marktstand faszinierte mich besonders, er war nur auf Kaninchen spezialisiert. Ein Metzger mit der typisch französischen Metzgersschürze, die mit nur einem Träger über die Schulter getragen wird, er war dabei die Köpfe abzuhacken und nach Wunsch des Kunden, das Tier zu zerlegen.

Unter ausladenden Marktschirmen kitzelten die Angebote von Traiteuren meine Nase. Auf dreißig Meter Länge türmten sich gebratene Hähnchen in allen Größen und Qualitätsstufen. Ein gemischtes Publikum, alt wie jung, lässt sich hier den Hauptgang des Sonntagsmenüs einpacken. Man sieht, was in Frankreich vor über 200 Jahren begann, hat dort immer noch große Tradition. Der Rôtisseur liefert das Fleisch und der Traiteur fühlt sich für Ragouts, Suppen und Gerichte „aus dem Topf“ verantwortlich. Ich musste mich buchstäblich losreißen, um rechtzeitig im Hotel zu sein.

Das Hotel „Trianon“ befindet sich direkt am Park von Versailles. Der berühmte englische Koch Gordon Ramsay betreut dort das Gourmet-Restaurant, ich richte mich jedoch in einer Ecke der Lounge ein und lasse mir einen Hamburger bringen. Ja, auch das gibt es. Das Haus ist unter amerikanischer Leitung, und man kann hier tun und lassen was man will, ohne dass sich jemand wundern würde. Sozusagen Frühstück am Nachmittag. Aus dem Zimmer habe ich mir meine Bücher geholt und vertiefe mich in die Geschichte der Gastronomie. Allgemein sagt man ja, diese sei erst nach der Revolution richtig entstanden, als die Köche des entmachteten Adels arbeitslos geworden waren und im Pariser Zentrum eigene kleine Etablissements gegründet hatten. Doch schon vorher war die Ernährungslage für besser gestellte Bürger nicht allzu karg.

Es tat einen richtigen Schlag: Als einsamer Fixstern am Himmel der Gourmandise betrat Monsieur Boulanger die Bühne und eröffnete 1765 seine Suppenküche, in der man sich gehörig vollfuttern konnte. Sein Lokal fand man in der Rue des Poulies, in der Nähe des Louvre. Als wirkliche Neuerung führte er in seinem Restaurant den À-la-Carte-Service ein, oder man bestellte sich „À toute heure“, sozusagen das Tagesgericht. Monsieur Boulanger nannte sich Restaurateur, denn seine Profession verstand er in dem Sinne, dass er seine Gäste restaurieren wollte. Boulanger gelangte zu beachtlichem Wohlstand, den er als frischgebackener Neureicher auch entsprechend extrovertiert vorführte. Wie auch heute so mancher Junggastronom, liebte er teure Fortbewegungsmittel, die Porsches der damaligen Zeit waren Prunkkutschen, zwei- vier- und sechsspännig. Er bemühte sich redlich darum, die halbe Stadt in Neid und Missgunst zu versetzen. Und da sich Geschichte ständig wiederholt, erging es ihm wie so manchem Neureichen heutzutage: Wie gewonnen, so zerronnen! Boulanger fand Nachahmer, die es womöglich besser oder billiger machten.

1786 eröffnete schließlich das „Trois Frères Provençaux“, das sich auf südfranzösische Küche spezialisiert hatte und zu Berühmtheit gelangte. Das Geschäft gedieh jedoch erst richtig, als man in die Arkaden des Palais Royal zog. Die Wirren der Revolution wurden gut überstanden, und auch heute noch kann man sich im Arkadengeviert des Palais Royale auf höchstem Weltniveau gastronomisch beglücken lassen. Das „Grand Vefour“ ist mein Lieblingslokal, das ich schon einige Male aufsuchte. Ich setzte mich dort an prächtig eingedeckte Tische und unter einer hohen Decke im Empirestil konnte ich mir nicht nur mit großer Lust Essen, sondern auch neue Ideen zuführen. In diesen nach wie vor unveränderten Räumen redeten sich schon Revolutionäre wie Robespierre oder Marat die Köpfe heiß. Zu den regelmäßigen Gästen zählten Schriftsteller wie Victor Hugo, Gustave Flaubert und Heinrich Heine. Die Liste der berühmten Künstler und Denker, die hier ihre Spuren hinterlassen haben, ist lang, und deren Geist weht immer noch in diesen Räumen. Dieser Stätte der gehobenen Lebensart werde ich noch ein eigenes Kapitel widmen.

Jedenfalls, die Französische Revolution von 1789 hatte gewaltige Umwälzungen ausgelöst: Es fand ein Mentalitätswandel statt, die aristokratische Tafelkultur wechselte in eine neue Zeit. König und Königin verloren in der Conciergerie durch glatten Schnitt der Guillotine ihre schönen Köpfe, und über 100 Jahre nach der Erstaufführung von Molieres Komödie „Der Bürger als Edelmann“ wiederholt sich der Inhalt des Stückes in der Realität. Einen Wimpernschlag nach dem Abgang des Adels überkamen den Bürger Allmachtsgefühle der Noblesse, und gutes Essen, Tafelkultur und vornehme Lebensart gerieten schwer in Mode.

Pflegte der Adel immer in seinen Palais’ und niemals in öffentlichen Speisehäusern zu tafeln, so ließ sich das gehobene Bürgertum der ersten Republik das Essen gerne ins Haus liefern. Noch lieber gab es sich jedoch in prächtigen Restaurants, welche royalen Habitus verkörperten, seinen Illusionen hin. Letztendlich wurde nur der feudale Lebensstil der Aristokraten kopiert. Viele sehr gute Köche konkurrierten in der Stadt, und diese Wettbewerbssituation führte dazu, dass nun besser gegessen werden konnte, als der Adel es sich je erträumten konnte. Dieses Wohlleben stand jedem Bürger zur Verfügung, ohne dass die Maximen der Revolution unterlaufen wurden. Freilich, für die armen Teufel waren die üppig gedeckten Tische auf der sonnigen Seite des Lebens in unerreichbarer Ferne. Die Rue de Richelieu verläuft hinter der Rue de Montpensier an der Westseite des Palais Royale, diesem wunderbaren architektonischen Ensemble entlang. Jedes dritte Haus beherbergte damals irgendeine Art von Gastronomie. Kardinal Richelieu, der ehemalige Hausherr dieses Carrés wird vor Neid im Grab rotiert haben, dass er das stürmische Gedeihen der Restaurants in seiner Nachbarschaft nicht mehr erleben konnte. Robert, der ehemalige Chefkoch des Prinzen Condé arbeitete hier, und ein paar Häuser weiter dampfte die Küche des „Chez Méot“ oder die des „Café de Foy“. Das Land mäanderte am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, doch im Epizentrum des Palais Royal feierten die „Les Frères Provençaux“ Triumpfe, und nicht weniger das „Véry“, das „Legaque“ und nicht weit entfernt das „Le Rocher de Cancale“ in der Rue de Montorgueil 78. Dieses Lokal ist immer noch in Betrieb. Ich schaute mir dort die originalen Fresken an und suchte dann das Weite, denn dort hat man sich mittlerweile auf Hamburger spezialisiert. Im Nachhinein vibrierte aber ein wenig Bedauern in mir, denn es hätte ja sein können, dass hier diese runden Dinger tatsächlich ernsthaft gut zusammengebaut und den Qualitätsansprüchen des „Tribunal Gastronomique“ entsprochen hätten. Im „Le Rocher de Cancale“ residierte nämlich Ende des 18. Jahrhunderts eine Gruppe von Kritikern, die sich aus anderen Restaurants Speisen zur Begutachtung bringen ließen und darüber urteilten. Ich will Ihnen nun den Mann vorstellen, der das alles zu verantworten hatte:

BALTHAZAR GRIMOD DE LA REYNIÈRE
Ein großer Vordenker der wohlüberlegten Nahrungsaufnahme
Am 20. November 1758 in Paris geboren, stammte er aus sehr reichem Hause. Der Großvater brachte es mit einem Traumberuf zu beträchtlichem Vermögen. Er war Generalpächter und trieb die Steuern für die Krone ein, gab davon aber längst nicht alles weiter. Geld war also genug vorhanden und die abendlichen Soupérs gerieten zur reinen Wolllust. Der Großvater erstickte an einer Gänseleber.

Im Aufzehren des Erbes entwickelte der Enkel eine einsame Subtilität. Am 1. Februar 1783 gab er ein Abendmenu und ließ die Einladungsbilletts auf Todesanzeigen drucken. Anstatt an Tischen wurde an Särgen gegessen. Nach neun Gängen und zwei Reden war Grimod de la Reynières Geist dermaßen erfrischt, dass er sich als Verteidiger des Volkes feiern ließ und den Kernsatz des Abends ins leise Tellerklappern rief: „Vor dem Gesetz und bei Tische haben alle gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Die Tafel macht uns alle gleich.“

Nachdem er sich eine weitere Provokation dieser Art erlaubt hatte, verlor der exzentrische Grimod seine Advokatur und galt fortan als Verfolgter des Ancien Regimes. Diese Umstände verhalfen ihm ungeschoren über die Zeit des menschenfressenden Puritaners Robespierre und der Französischen Revolution hinweg. Der zum Demokraten mutierte adelige Großpächterssohn verschrieb sich nun ganz der Demokratisierung der Genüsse und richtete harsch über die vergangene Monarchie: „Die Vorfahren aßen um zu leben, die Nachfahren scheinen zu leben um zu essen.“ Er berief eine „Jury dégustateur“ ein und begutachtete, wie bereits erwähnt, im „Le Rocher de Cancale“ Nahrungsmittel, Rezepte und Gerichte.

Im fünfundvierzigsten Jahr seines priviligierten Lebens fühlte sich Grimod dann reif fürs gedruckte Wort. Sein Hauptwerk war der in periodischen Intervallen veröffentlichte „Almanach des Gourmands“ (1803-1812) und die praktischen Anleitungen für Gastgeber und Gäste „Manuel des Amphytryons“ (1808). In seinem “Tribunal Gastronomique” wurden Restaurants geprüft und bewertet. Dort wetterte er in düsterer Vorahnung der heutigen Gepflogenheiten unter anderem gegen eine schlecht ausgeleuchtete Tafel: “Licht ist der Prometheus-Funke auch für den Speisenden”.

Sein “Almanach des Gourmands” wurde aufgelegt, um Leuten ein „Vademecum zu bieten, welche nicht wissen, wie sie ihrem Vermögen Ehre machen sollen.“ Nachfolgend einige zementierte Weisheiten des guten Grimod, der beispielsweise zum Thema „Einladung“ folgende Regeln aufstellte: „Nur schwere Krankheit oder Tod sind die einzigen annehmbaren Entschuldigungen. Der Geladene wird sich also in sauberer Kleidung zur bestimmten Stunde in das Haus des Gastgebers verfügen, und zwar ausgerüstet mit einem Appetit, der dem Rufe der betreffenden Tafel entspricht, und in einer leiblichen, geistigen und seelischen Verfassung, wie sie für die Einnahme, den Zauber und die Annehmlichkeit eines Festmahles unbedingt vonnöten ist.“
Bei der Lektüre von Grimods Leitgedanken “Von der Bedienung bei Tisch” berücksichtige man, dass er adeligen Geblüts und zu jener Zeit Dienstleistung längst nicht ein derart kostbares Gut war wie heutzutage. Er schrieb: “Es stände sehr zu wünschen, dass man während des Mahles die Anwesenheit der Bediener entbehren könne, oder dass sie dabei wenigstens immer nur im Gefolge des Haushofmeisters erschienen und sich dann ungesäumt wieder entfernten, anstatt wie Automaten hinter dem Stuhle jedes Gastes aufgepflanzt zu bleiben. Ihr leerer Magen, ihre gierigen Blicke und ihre gespitzten Ohren machen diese Beharrlichkeit zu einer wahren Marter für die Tischgenossen und für sie selbst. Die Gegenwart der Lakaien hat noch einen anderen Nachteil, sie ist sozusagen ein Protest gegen die Dauer des Mahles, dessen Länge diese Leute innerlich von Herzen verwünschen“. In seinen Ausführungen über „Tischgespräche“ urteilt Grimod de la Reynière noch härter aber unwiderlegbar: “Auch bei Tisch werden Dumme nicht gescheit. Wer sich nicht entblößen will, flüchte sich in ein Lied.“ Er empfahl dem Gastgeber, sich über die Interessen der Geladenen zu informieren, um die Gespräche in eine wünschenswerte Richtung zu kanalisieren. Auch heutzutage wäre es nicht von Nachteil, Grimods Prinzip Folge zu leisten und zumindest Gespräche über Religion und Politik zu unterlassen: „Eine lebendige Unterhaltung während des Mahles ist ebenso gesund wie angenehm, sie ist die richtige Therapie gegen schnelles, ungesundes Essen, sie fördert und beschleunigt die Verdauung. Theologische oder moralische Fragen werden selbst für den nur mit einiger Klugheit ausgerüsteten Mann von Welt zu Steinen des Anstoßes.“

Grimod rät zu guter Letzt auch, nicht allzu viel über das Essen zu reden: „Man kompromittiere sich nicht, durch allzu freie Bemerkungen über mangelhafte Teile des Mahls das Missfallen des Wirts zu erregen, um dann noch auszugleichend gegen seine Überzeugung reden zu müssen, schlechte Weine zu loben, nichtsnutzige Ragouts zu preisen, und halbgeschmolzenes Eis in den Himmel erheben zu müssen u.s.w.”

Im selben Jahr, in dem Napoleon auf’s Altenteil nach St. Helena gezwungen wurde, nämlich 1815, war es auch für Grimod Zeit, sich auf sein Landgut zurückzuziehen. Von jeglichen Konventionszwängen befreit, lebte er nun seine Spleens noch heftiger aus. So hielt er sich als Hausgenossen ein Schwein, das täglich an seiner Tafel teilnahm.
Eine Traueranzeige rief am 7. Juli 1818 um 16 Uhr nach Villiers-sur-Orge. Zahlreiche Trauergäste machten sich auf den Weg, um Grimod de la Reynière mit dem letzten Geleit zu beehren. Die Trauernden fuhren im Hofe seines Guts am geschlossenen Sarg vorbei und wurden in einen schwarz verhangenen Salon geführt. Nach einigem Warten öffnete sich die Tür zum Speisesaal, und am Ende der festlich gedeckten Tafel verkündete der vermeintlich Verblichene mit fester Stimme, man solle sich rasch setzen, er schätze es nicht, kalt zu speisen.
Es folgten noch viele Tage skurriler Tafelfreuden, bis endlich der allerletzte Digestif genommen wurde. Am 25. Dezember 1837 fiel Grimod endgültig die Gabel aus der Hand.

Balthazar Grimod de la Reynière war der Erste, der die Esskritik zur literarischen Disziplin erhob und sie der Kunstkritik ebenbürtig betrachtete. Wohl wissend, dass wir uns längst in einer anderen Zeit befinden, kann mit Augenzwinkern angemerkt werden, dass die letzten anderthalb Jahrhunderte im Bereich der Kulinarik und der feinen Lebensweise keinen allzu großen Fortschritt brachten. Mit erhobenem Zeigefinger sei ebenfalls erwähnt, dass Grimod, im Gegensatz zu heutigen Journalisten, wirklich unabhängig von Verlegern und Anzeigeninteressen arbeiten konnte. Grimod scholt weniger die Köche, sondern setzte seine oft verletzende Feder zuförderst bei den Lesern, den Feinschmeckern selbst an: „Zuerst kommt der Wunsch nach gutem Essen, dann erst der Koch. Oder anders, ohne gelernte Gäste auf Dauer keine gute Küche“. Und um dem noch eins drauf zu setzen: „In der Gastronomie ist Diktatur angesagt. Ein guter Koch ist streng zu seinen Gästen und beugt sich nicht gegen seine Überzeugung jedem Wunsch und Trend. Er muss seinen Gästen das Beste antun, zur Not auch ohne deren Einsicht.“ Denn wie bereits gesagt: „Auch an der noch so feinen Tafel wird der Dumme nicht gescheit!“

Grimod de la Reynière zeigte als einer der Ersten, dass Gourmandise eine gründlich zu erlernende Kunstform ist, die wie ja alle Lebenskunst nicht angeboren, sondern durch Erfahrung erworben werden muss. Und zum Ausklang noch eine allerletzte Weisheit: “Es ist viel leichter, ein Vermögen zu erlangen, als es mit Anstand auszugeben.”

Seinen Lebensabend verbrachte Grimod de la Reynière auf Schloss Brinvilliers, das südlich von Paris in der Nähe von Orly zu finden ist. Ungefähr 150 Jahre zuvor hatte sich dort ein monströses Verbrechen ereignet: Der Marquise de Brinvilliers kam es in den Sinn, ihren Vater und ihre zwei Brüder vergiften zu wollen, nur die Schwester überlebte knapp. Die schlimme Marquise endete auf dem Schafott. Sie hatte ihr grausames Hobby jahrelang betrieben, es wurden ihr noch viele andere Morde nachgesagt. Südlich von Paris, nicht weit von Orly, ist sie in der Nähe des Schlosses begraben, was Grimod nicht hinderte, sich ebenfalls dort bestatten zu lassen. Wenn man auf dem Grabe frische Rosen liegen sieht, dann sind diese jedoch nicht der Marquise, sondern unserem gastronomischen Vordenker zu Ehren.

USA, Kapitalismus

USA, Kapitalismus

Ich stelle meinen heutigen Gedanken mal ins Netz, werde aber sicher noch manches korrigieren müssen.

In den USA gibt es alles im Übermaß, Genies wie Idioten. Nach dem Krieg waren die Amerikaner meine Idole. Schwäbisch Gmünd, kleine Stadt in einem engen Talgrund. Viertausend Amerikaner waren stationiert und jede Menge riesige Straßenkreuzer waren zu bewundern. Das Verhältnis der eingeborenen Schwaben zu den GI’s gestaltete sich nicht immer einvernehmlich. Während des Vietnamkriegs galt Schwäbisch Gmünd als die Hochburg des Heroins. Immer wieder mal ging eine komplette Gaststätteneinrichtung zu Bruch. Die Kerle soffen fürchterlich, der Dollar war vier mal soviel Wert wie eine D-Mark und die Soldaten verjuxten in den Kneipen ihren ganzen Sold. Gerne tippelte ich als Sechzehnjähriger die Mutlanger Straße hoch. Mitten am Hang, in der Wiese, fand man selbst in dunkelster Nacht die Tanzbar “Regina”, denn sie war das ganze Jahr über mit Weihnachtslämpchen illuminiert.
Die GI’s damals dienten ihrem Land zum größten Teil als Wehrpflichtige. Das bedeutete, dass vorwiegend übermütige Jungs, mehrheitlich pazifistische Hippies darunter waren. Vom Vietnamkrieg hatten sie die Schnauze gestrichen voll. Unter den Wehrpflichtigen konnte man viele Intellektuelle ausmachen. Ganz deutlich drängten sich studierte Musiker in mein Ohr. Im “Regina” wummerte schwärzeste Soulmusic mit B3 Hammondorgel und einem Orkan aus den Röhrenverstärkern. Es fand sich auch eine Armyband ein, die original “Blood-Sweat-and-Tears“ drauf hatten. Also Sänger, Bass, Gitarre und Bläsersatz. Formationen, die man sich im heutgen Konzertbetrieb gar nicht mehr leisten könnte. Nur die tapfersten Mädchen trauten sich in diesen Schuppen in dem Jim-Beam-Whisky nur in Gallonengebinde auf den Tisch kam. Den überwiegenden „Stoff“ besorgten sich die Soldaten in ihrem steuerfreien Kasernen-PX-Laden und verhökerten die Pullen an den Wirt. Den spießigen Gmünder war das alles ein sortenreines Sodom & Gomorrha.
Mädchen, die von Soulmusic begeistert waren, galten als Negerschlampen und als Huren. Es war aber überhaupt nicht so. Klar, dass mal ein von Triebstaubäckchen gerüttelter Soldat an einen Mädchenhintern griff. Schlug sie ihm aber auf die Pfoten, herrschte sofort Ordnung. Wehe der Wirt, der eine ziemliche Verantwortung trug, wehe er rief die Military-Police, die innerhalb von 10 Minuten da war. Man kann sich nicht vorstellen wie die Soldaten mit Gummiknüppel zusammengedroschen wurden. Es gab  noch einige andere Kneipen die von Amis okkupiert waren. Das Gasthaus mit dem allerschönsten Namen „Blumenschein“ war auch immer wieder Kampfplatz von fliegenden Gallonenflaschen.

Meine Eltern schliefen tief und ich kletterte aus dem Fenster, denn die Welt des Jazz und der Soulmusic waren absolut mein Ding. Alles was aus Amerika kam segnete mich  nahezu seligmachend. Irgendwann bemerkte ich aber festgetretenen Kaugummi auf dem Gehsteig, dann die Drogen, aberwitzige Verbrechen, und ganz auffällig: richtig schlechtes Essen, das von Ketchup zusammen gehalten wurde.

Bis vor kurzem, bis zu dem bizarren Wahlshowdown Donald Trumps, bis hin, dass man für soziokulturellen Niedergang das Wort Showdown in Stellung brachte, –  für mich stand seit Jahren fest, die Amis sind die Bösen. Trotzdem es gibt viel Gutes aus den USA. Selbst Donald Trump macht nicht so viel falsch, wie bei uns kolportiert wird. Die Demokraten sind auch längst keine Heiligen, sondern nicht minder geldgierig und raubtierkapitalistisch als die Republikaner. Doch der über den Atlantik herüberschwappende immer opulentere Mist, das Daumenrunter – Daumenhochgetwittere, der Finanzbetrug in Milliardengebinden, Facebook, Twitter, Rassismus, all das was man unter übelstem Amerikanismus zusammenfassen könnte, ließ mir mein ehemals geliebtes Amerika zum Brechmittel werden.

Doch es ist nicht lange her, da ging mir ein Licht auf. Die Amerikaner sind nicht an allem Schuld, sondern das Opfer, das sich selbst auf die  Schlachtbank des Kapitalismus gelegt hat. Marx und Engels waren großartige Denker und Visionäre, sie wären verzweifelt, was aus ihren guten Ideen bis heute geworden ist. Wir befinden uns nun inmitten eines  Endzeitkapitalismus, eines Raubtierkapitalismus, und eines entfesselnden Egoismus.
Jetzt kommt’s: dessen DNA wurde in Europa geboren und dann katastrophal umgebogen. Es begann in England (Manchester) und streute sich über Europa bis in die USA.
Deutschland wandelte sich allerdings seit dem Krieg, trotz vieler Mängel,  zum Sozialstaat auf den man Stolz sein kann. Diese Errungenschaften geraten jedoch immer mehr auf schwankendes Terrain. Wir verbuchen dafür im Ausland schwindende Anerkennung, obwohl dort nichts besser gemacht wird. Längst sind wir so weit, dass wir Ungezogenheit, Rücksichtslosigkeit, Gewalt, Wallstreetbetrug, Black-Friday-Idiotie nicht mehr importieren müssen. Das alles ist mittlerweile bei vielen von uns schon in der DNA verankert.

Die blauen Gänse

Die blauen Gänse

Zum Kollateral-Nutzen durch Corona kann man den Gänsen gratulieren. Manche Weihnachtsfeier mit Gänsevertilgen wird nicht stattfinden. Völlig artgerecht wurden die Gänse gehalten, die ich in eine Buchenholzplatte geschnitzt habe.

Beigefügt für Nichtveganer, eine auf Amalfi-Bütten gedruckte Weihnachtsgansgeschichte meiner Kindheit, und darüber hinaus, ein klassisch-schwäbisches Gänse-Rezept.

Dreifach Farbholzschnitt nach der Technik der “verlorenen Form”. Handabzug auf Büttenkarton, der traditionell  im Sieb geschöpft wurde. Größe DIN A 4

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