Five o’clock tea in London

Five o’clock tea in London

Es ist schon eine ganze Weile her, mitten in St. James, Londons feinster Gegend, hatte sich die Familie mit mir für drei Tage niedergelassen. Das mag kurz erscheinen, aber London ist kein Schnäppchen. Nach zwei Tagen war unser geplantes Budget aufgebraucht. Das “Ritz” lag gleich um die Ecke, berühmt für den “Five o’clock tea”, und ich beschloss beim ersten Alleingang: Nichts wie hin! Klischees wollen bisweilen aufgefrischt, Vorurteile geschürt werden. Doch meine Vorfreude wurde rüde gestoppt: Der Portier des “Ritz” hob die weißen Handschuhflächen, als wollte er Kreuzigungsmale vorweisen. Sein Pferdegesicht wirkte indes weit trauriger und länger als das von Jesus.

Ich ließ mich nicht entmutigen und stapfte zurück ins “Dukes Hotel”, um die Jeans gegen etwas Vornehmeres einzutauschen. Vor die Wahl gestellt zwischen Cordsamt und Flanell, zog ich sicherheitshalber gleich mein edelstes Stück über die Stachelbeerbeine – die beste Hose mit fabrikneuer Bügelfalte – und warf mir dazu das Jackett um die Wampe. So drapiert berannte ich das “Ritz” aufs Neue.

Doch die Handschuhe des Hotelschützers sannen wiederum auf Abwehr. Mein schniekes Polohemd erregte Anstoß, obwohl “Boss” drauf stand, denn es fehlte ihm eine schlichte, begütigende Krawatte. Ich startete zu einem letzten, krawattenbehängten Versuch. Der Türwächter, aufgedonnert mit Litzen und Goldbordüren, balzte vor dem Eingang noch immer wie ein südamerikanischer Diktator. Taktvoll mit dem Kopf wackelnd, wurde ich beäugt, aber ich hatte endgültig verspielt. Seine Majestät äugten unangenehm berührt, geradezu belästigt, auf meine neuen weißen Turnschuhe. Zugegeben: Die Dinger sahen beschissen aus, denn sie waren ein Notkauf gewesen, weil mir die handgenähten englischen Treter beim Kampf ums “Ritz” bereits eine Marschblase beschert hatten. Doch damit war das Erlebnis und die Sozialstudie „Teatime“ endgültig vorbei.

Am nächsten Tag kümmerte ich meine Frau um mein Outfit, Krawatte Atemnot, Doppelmanschette undsoweiter. Meine Quatratfüße wurden in die englischen Schuhe gezwängt und es wurde nicht gelaufen, denn suche Schuhe sind nicht zum Laufen handgenäht, sondern um sie bei Talkshows in die Kamera zu strecken. Das Taxi kämpfte sich zum Hotel Claridge durch. Gukenschnittchen u.s.w. Tea obligat, aber der Wunsch nach einem Single Malt wurde mir nicht erfüllt. “Whiskytime is anytime and anytime is now”!
Von wegen. Der schönsten Kellner der Welt begrüßte uns sehr artig. Mir stockte der Atem. Zwar steckte ich in edlem zwirn, kam mir ihm gegenüber aber vor wie ein verkleideter Bauernseckel aus Stuttgart, was ja eigentlich den Tatsachen entsprach. Der junge Herr, in Samtknickebockers, mit Schulterklappen und vielen Litzen am Wams, er dünkte mir als wäre er der Leibgarde der Queen entsprungen. Trotzdem sah er keineswegs aus wie ein Faschingsprinz, sondern wie ein Thronfolger. Er hob die steife Lippe: Whisky nicht um fünf Uhr erst ab 6 Uhr am Abend.

Unsere Londonforschungen vertrugen jedoch keinen Aufschub. Ein Menü im “Connaughts” war auf 7 Uhr anberaumt. Diese Edelatzung wäre aber eine andere Geschichte. So verging unser letzter Abend. Danach hatte ich die Upperclass so gründlich eingesogen, um bis heute daran zu zehren. Soviel kann ich sagen, die gehobenen Stände in GB zu beobachten ist mir mehr wert als die Salzburger Festspiele. Billig ist beides  nicht. Erben mögen entspannter denken, ich aber muss um mein Geld nicht arbeiten, sondern auf gut schwäbisch, “richtig drum schaffa”. Einmal London im Leben muss genügen.

Heimat, eine Zumutung

Heimat, eine Zumutung

Alles war eine Zumutung, die Zeiten sowieso, und das Essen erst recht. Letzteres empfand ich als dumpf, ärmlich, ja geradezu steinzeitlich. Mein Vater, Tierarzt, brachte jeden Tag melkwarme Milch von den Bauern mit, frisch geschlagene Butter, die immer ein bisschen nach Kuhstall roch, dann das dunkle Holzofenbrot, Wurst, immer dieses Hausmacherzeugs.

Mutter kochte nahe am Delirium, hausgemachte Spätzle. Schmalz mit Grieben wurde ausgelassen und dann halfen noch die Erzeugnisse aus dem eigenen Garten für gefüllte Schüsseln. Unvergesslich sind mir die grauenvollen Rote Bete und die riesigen Gelbe Rüben, die dermaßen heftig nach Karotten schmeckten, dass es mich würgte.

Meine Freunde und Schulkameradenkameraden lebten derweil bereits weltläufig mit Fernseher und Miracoli-Spaghetti. Alle waren schon mal am Meer gewesen, in Benidorm oder am Teutonengrill unweit von Rimini. Aus den Fenstern schallten hochmoderne Schlager wie “Sole, Sole, Sole, heißt die liebe Sonne” und meine verschnarchten Eltern erfreuten sich immer noch an Louis Armstrong, Glenn Miller und Bill Haley. Ich schämte mich gehörig und beneidete meine Freunde, mit denen ich zum Fußballplatz zog, um gerne auch mal in ihr “Konsumbrot” zu beißen. Mit Margarine bestrichen und mit dünner Industriewurst belegt empfand ich das als totale Delikatesse.

Bei Nachbars gab es nicht diesen sauren Linsenmampf mit Spätzle sondern Ravioli aus der Dose. Und von wegen Saitenwürstle? Nein, Papa brachte von seinen Raubzügen bei den Bauern stinkende Bauernbratwürste mit, und die rochen penetrant nach artgerechter Haltung. Von artgerechten Haltung wusste man damals noch nichts, die war ganz normal, allenfalls die Bäuerinnen wurden nicht artgerecht gehalten.

Ja, Dosenravioli und Dosenobstsalat, das war der kulinarische Himmel. Wenn dazu dann noch ein Glas Frigo-Brause mit dem Geschmack von tausend Orangen gereicht wurde, empfand ich solcherlei Gaumenlust als geradezu futuristisch, kein Wunder, dass das alles mit der ersten Mondlandung einherging.

Später dann, in meiner Lehrzeit als Koch, dem Mief meiner Heimatstadt Schwäbisch Gmünd entronnen, hörte ich zum erstenmal die Beatles und hatte  anfangs der Siebziger Jahre auch mitbekommen, dass es so etwas wie den California-Lifestyle gab. Schlaghosen mussten her und eine davon auch noch in überschallrot. Diese Buxe hatte ich mir mühsam zusammengespart. Sie entzündete meine altmodische „Familienvorsteherdrüse“ zu Tobsuchtsanfällen. Die Haare des aufmüpfigen Jüngelchens Vincent gerieten zum Wildwuchs. Sie klebten sardellenartig auf den Schultern und Vater maulte, ich sähe bald aus wie Tante Martha, die sich nur alle vierzehn Tage einen Badetag gönnte. Mein knallgelber Existenzialistenpullover wurde von den Eltern als Bader-Meinhof-Mode abgekanzelt. Damals galt unter Möchtegernhippies der Parole: “Mut zur Farbe”, und meine Eltern, völlig mutlos, verstanden mich und die Welt nicht mehr.

Sie fürchteten ich sei schwul geworden und als dann inmitten der Spätpupertät kurzeitig meine Brustwarzen von einem Tag auf den anderen anschwollen, ging ein Aufschrei des Entsetzens durchs Haus. Der Sohnemann, “hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder”?  Was geht da schief. Großes verzweifeltes Fragezeichen. Alle, Opa, Oma, Mama, Papa, die Haushälterin, alle ordneten mich völlig ironiefrei als schwächliche Missgeburt ein. In meinem Ohr klingelt heute noch der unerhörte Satz des Tierarztes wie aus dem Oberkommando der Wehrmacht, “mit mir könne man kein leeres Scheißhaus stürmen.“ Gegenwehr kam nicht in Frage, denn Papa, der wackere Ex-Wehrmachtsoldat hatte entgegen aller gängigen Beweise den Krieg gewonnen. Zweimal beinahe und einmal nahezu. An ihm hätte es nicht gegen, auch wenn er in den letzten Kriegstagen immer mehr in sich hineingeraunt hatte: “Vorwärts Kameraden, es geht zurück!”

In diesen Jahren durfte man nichts krumm nehmen, die Erwachsenen waren ohne Zweifel vom Krieg mental gezeichnet und der Schwäbische Humor war noch reichlich soldatesk.

Wer meinetwegen am Stammtisch “eine gebutzt bekam,  durch einen Faustschlag am Boden lag, musste sich noch womöglich den Witz anhören, dass man es ja nur hat im Guata hat saga wölla”!

Es waren grobe Zeiten und keinesfalls von Nachdenklichkeit unterlegt und übrigens längst nicht so entnazifiziert wie man gemeinhin glaubt.

Wenige Jahre später hatte ich die Meisterprüfung schon hinter mir, versöhnte mich leidlich mit meinen Eltern, die mit jahrelanger Verzögerung mittlerweile auch einen modernen Haushalt führten. Mammi fühlte sich sogar sehr fortschrittlich, stöckelte im Minirock herum und Nescafé war der letzte Schrei. Nix mehr Schmalzbrot, diese Ikone der sachwäbischen Heimat, sondern Wienerwaldhähnchen. Das Fernsehen weckte Träume von Weltläufigkeit. Die erste Asienkochwelle überschwemmte unseren Haushalt. Aus Holland kam die Kampfansage an die deutsche Hausmannskost. Indonesische Küche war der letzte Schrei. Papas Leibgericht war Nasi Goreng, das er beharrlich “Nazi Göring” nannte. Der Schwarzweißfernseher lieferte via Clemens Wilmenrod, dem ersten Fernsehkoch, Rezepte wie Hawaitoast, Schweine-Hack-Igel, eine Mettkugel, igelähnlich mit Salzsticks gespickt. Arabisches Reiterfleisch eroberte die Küchenhitparade und ganz intensiv arbeitete sich Wilmenrod an seiner berühmten gefüllten Erdbeere ab. Das waren TV-Zeiten wie inmitten einer Klappsmühle. Wilmenrod entfernte hochkonzentriert die grünen Blattansätze bei ungefähr zehn Erdbeeren und drückte in die Delle jeweils einen Mandelkern. Mit diesem Hattrick beschäftigte er sich geschlagene fünfzehn Minuten.  Das Publikum vor der heimischen Musiktruhe im Telefonzellenformat, geriet in Euphorie und unzählige Triebstaubäckchen glühten vor dem Flimmerkasten.

Die Hungerzeiten des überstandenen Kriegs rumorten noch in den Menschen, die Speisekammern waren knüppelvoll mit Hülsenfrüchten. Als Wagenburg gegen Mangelzeiten wurden die Wohnungen später mit Tiefkühltruhen  umstellt.  Von Staats wegen wurden private Atombunker subventioniert. Zum Überlebens-Starterkit  der atomsicheren Behausung ehörten auch Kaninchen, die man nach wochenlangen Einsitzen bei Bonduelle Dosengemüse und Beutelreis, nach und nach freilassen konnte, um zu prüfen ob die Luft rein sei.

Dann tat’s in den Küchen einen Schlag. Die Nouvelle Cuisine kam in Mode. In Deutschland als Firlefanz der kleinen Portionen missverstanden, war sie letztlich nichts anderes als die Abkehr von der Mehlschwitze und der Fortschrittgläubigkeit, des beginnen Instant-Zeitalters.

Für mich begann die Rückkehr zu frischen und qualitätvollen Produkten, also zu alle dem Zeugs, das ich in meiner Kindheit so gehasst hatte. Es war schwer die inzwischen dosen- und wienerwaldverseuchten Teutonen wieder auf den Geschmack eines natürlich aufgewachsenen Geflügels oder frischen Gemüses umzustimmen. Und so blieb es auch: Diejenigen, die in der Kindheit den Junk der frühen Tage mampften, konnten sich später offensichtlich von solchen Kindheitstraumata nie mehr ganz befreien. Heute isst manche Oma schlechter als man glaubt. Stets ist die Rede von den wundervoll kochenden Müttern.

Unter ihrer Ägide war aber der Hunger der beste Koch, denn wer Hunger hat, dem schmeckt alles. Und schließlich war ja endlich das Glutamat erfunden, und dass die beiden Lebensmittel-Chemiekonzerne Maggi und Knorr im wundervoll aufkochenden Baden-Württemberg beheimatet sind sollte auch zu denken geben. Es sind nicht die Tütensoßen-Mammis der Siebzigerjahre, die man wegen ihrer heimatfernen Küche besingen sollte. Die Ehre gebührt inzwischen den Urgroßmüttern, die noch nicht wussten was Nescafe ist.

Die Forelle II

Die Forelle II

Neu erstellter Zweifachdruck.
Holzschnitt von Vincent Klink.
Auf wertvollem handgeschöpftem Büttenpapier.

Und ein Rezept auf Amalfibütten gibt es dazu.

Bestellen: via E-Mail an haeuptling@posteo.de (Adresse nicht vergessen!)
Kosten: 70,00 Euro Inklusive Verpackung und Porto
Versand nach Vorkasse:
Edition Vincent Klink, Hypovereinsbank Stuttgart
DE5 4600 2029 0032 26453 50
BIC: HYVEDEMM473

Die Kuh

Die Kuh

Wenn die Wielandshöhe Ruhetag hat, dann gebe ich gleich gar keine Ruhe mehr. Mit fiebrigem Kopf arbeite ich in meiner Druck und Holzschneidewerkstatt.

Holzschnitt auf Bütten, Größe ungefähr 28 x 32 cm (jedes Papier etwas verschieden).

Bestellen: via E-Mail an haeuptling@posteo.de (Adresse nicht vergessen!)
Kosten: 180,00 Euro Inklusive Verpackung und Porto
Versand nach Vorkasse:
Edition Vincent Klink, Hypovereinsbank Stuttgart
DE5 4600 2029 0032 26453 50
BIC: HYVEDEMM473