Häuptling eigener Herd

Meine drei Leben

von | 16. Januar 2021 | Häuptling eigener Herd

Meine drei Leben

Der Vorname Vincent, mittlerweile regelrecht in Mode gekommen, klang mir als Kind damals auf dem Schulhof so gespenstisch wie Theophrast oder Hieronymus. Offensichtlich war ich nicht vorbestimmt, als Peterle oder Fritzle die Welt zu erobern.

Mittlerweile bin ich mit meinem Vornamen im Modetrend und so hat sich doch manches in meinem ersten Leben zum Guten gefügt. Ich

Mein erstes Leben, die Kindheit war irgendwie langweilig. Beginnend mit der ersten Schulklasse  wurde mir die Angst vor Lehrern eine ständige Bedrückung , die ein frohes, freies Denken nicht zuließ. Viele Jahre ist es her, dass ich einen Psychologen zu RateI zog, um diese frühen Jahre der Beklemmung aufzuarbeiten. Der kluge Mann schickte mich wieder nach Hause und meinte: “Diesen alten Scheiss holen wir nicht mehr an die Oberfläche, der soll dort bleiben wo er ist. So wurde mir der mentale Verdrängungsmechanismus ein Mittel gegen Verkniffenheit und  Selbstauspeitschung. Einigermaßen verlief das Dasein dann als mühsame aber frohe Zeit.

Doch, was hat es mit dem zweiten und dritten Leben auf sich? Wiedergeboren wurde ich nach einem Absturz in den Granitzacken des Schweizer Bergells. Man fand mich nach knapp einer Woche und ich war einige Zeit Rekordhalter im Überleben in den Schweizer Bergen und hat mir immerhin eine silberne Ehrennadel des Schweizer Alpin-Clubs eingebracht. Mehr will ich über die klare Luft in dreitausend Metern Höhe nicht verlieren, denn als Totgesagter wieder in die Welt einzutreten ist kein Verdienst sondern auch Glücksache. Immerhin, auf einen ersten Fehler beim Abseilen, gelang es mir nicht einen zweiten darauf zu addieren. Dass sich letztlich alles gut fügte, ist auch der Hartnäckigkeit der Suchenden, meiner Retter zu verdanken, und in starkem Maße meiner unnachgiebigen Ehefrau, einiger Bergführer und eines famosen Schweizer Ehepaars.

Mit dem Hubschrauber eingeschwebt, sorgte ich 1989 als einziger Patient des Krankenhauses Samaden bei Sankt Moritz für Aufsehen. Es war gerade keine Saison, die Gleitschirmflieger waren weg und die Skifahrer noch nicht da. Dem Schweizer Freund verdankte ich die Außerkraftsetzung der Krankenhausregularien. Diese verdammte Anstalt, über die ich ein eigenes Büchlein schreiben könnte, wollte mich trotz nahenden Todes nur aufnehmen, wenn siebentausend Franken Depot, bzw. Vorschuss gezahlt würden. Die fünftausend Franken mussten unverzüglich, eingezahlt werden sonst käme ich nur in der Besenkammer unter. Überhaupt, als mein Schweizer Freund anmerkte, dass bei total leerem Haus vielleicht doch ein Einzelzimmer möglich sein sollte, dass man das zweite Bett entfernen könnte, kam es zu Tumulten. Mein geliebter Helvetier ging flammenden Auges auf die Barrikaden. Als Reservist und immerhin Oberleutnant der Schweizer Arme verfügte er über genügend Befehlston. Er schrieb einen Scheck aus, schämte sich für sein Land. Er schrie nicht, er stach mit gefährlich ruhigem Organ auf die Empfangsschwester ein, die immer kleiner wurde, als wolle sie unter ihrem Schreibtisch verschwinden.

Letztlich ging alles gut, oder eigentlich doch nicht. Wollte ich Ihnen alles erzählen was noch in diesem Krankenhaus an Inkompetenz geboten wurde würde mein Bericht erst vor dem nächsten Morgen enden. Jedenfalls noch so viel, mein Vater, Tierarzt schaute sich meinen Fuß an und meinte, „do isch em Ennara dr Deifl los“! So wurde ich nach Tübingen transportiert und die dortige Unfallklinik übernahm. Professor Weller, eine Berühmtheit, bekam ansichtig meines lädierten und halb abgefaulte Fußes einen Schreikrampf, einen Hass auf seine Kollegen, deren Fehler er anscheinend bald täglich und in vielerlei Variationen, auswetzen musste. Doch es näherte sich Licht im Tunnel, und es war nicht der entgegenkommende Zug. Der Fuß lahmte von fortan bis heute, was aber nicht meinen Appetit beeinträchtigte.

Und nun zu meinem dritten Leben, das vor mir liegt. Osterzeit der Zweitausend-Zwanzigerjahre. Ich ahne eine erneute Wiedergeburt. Keine Frage, um meine Familie, zu der auch mein Servicepersonal und meine Köchinnen und Köche zählen, um die sorge ich mich schon, und habe auch alles in die Wege geleitet, dass das Restaurant Wielandshöhe in Viruszeiten nicht dahinstirbt. Einige deutsche Pessimisten, die sich um meine Finanzen kümmern, sprachen von Wahnsinn, dass man in “Shut-Down-Zeiten in die Zukunft investiert, das Restaurant von Grund auf renoviere, quasi mit frecher Stirn Geld ausgäbe, obwohl der wirtschaftliche Untergang sogar der ganzen Nation drohe.
Als Koch darf man kein Pessimist sein, wäre es so, dann hätte ich schon von 30 Jahren die Pfannen in die Ecke werfen müssen. Kurzum, zwei oder drei Monate Umsatzvakuum müssen überstanden werden. Zum Zeitvertreib sehe ich Fernsehen. Einmal verirrte ich mich zu einer Sendung “Das Traumschiff”. Die anderen Programme sedierten mich nicht minder. Coronaexegese in kaum vorstellbaren Varianten. Immer die gleiche Leier, das gleiche Jammern, der Profilierungshype der politischen Rettungskräfte, der Falschmeldungen, dem Schüren der Hysterie. In den Talkshows, auch in den Printmedien röchelt, klagt, poltert oder murmeln mit Weinerlichkeit  unzählige Leute. Die Virologen veranstalteten eine richtiggehende Olympiade der Rechthaberei. Sie hatten in vielem auch Recht. Trotzdem, ihre Suaden lamentierten auf dem festen Beton krisenfester Gehältern, als wäre diese Perspektive Voraussetzung um sich über das Millionenheer der  Kurzarbeiter hinwegzufabulieren.

Der Kampf um die Seuchlerei, mit all den Geboten und Verboten, den konterkarierenden Dekreten mündete in der einfachen Empfehlung, die für mich sowieso schon immer galt: “Meide deinen Nächsten!” Letzteres macht ja wirklich Sinn. Müssen sich die Menschlein andauernd aneinander reiben, frage ich mich? Gewiss der Mensch ist ein soziales Wesen aber meine Frau sagt ich sei sozial nicht sehr kompetent. Also nö, das stimmt überhaupt nicht, mich langweilen jedoch die Krankenakten meines näheren Bekanntenkreises. Solcherlei Erörterungen haben noch Zeit, bis ich meinen Verstand verloren habe und mich eine polnische Nurse im Senioren-Sulky durch die Gegend schubst.

Stillsitzen konnte ich noch nie, mich auch wenig der Muße hingeben. Alles musste schnell gehen, und man rühmt mich meiner Tatkraft und was ich alles so leiste. Ehrlich gesagt, meine Devise war schon immer, lieber schnell und schlampig, als perfekt und gar nicht. Als Meister der der Improvisation habe ich einen Hang zum Jazz und zur musikalischen Improvisation, und nach diesem Muster koche ich auch. Erst mal loslegen, logisches ineinander fügen und dann wundern, das ein ganz neues Rezept entstanden war. Insgesamt läppert sich dann doch einiges zusammen was ab und an Gefallen findet.

Und jetzt, unter dem Schutz der Corona-Regelungen, genieße ich meine senile Bettflucht, sitze in meinem Gartenhaus und schaue hinüber zur Neuen Weinsteige, der maßgeblichen Verkehrsader welche den Bürgern der Stadt Stuttgart Fluchtmöglichkeiten nach Süden ermöglicht. Jahrein, Jahraus sind immer viele Leute auf der Flucht. Sie strömen in die Stadt, oder hinaus und verursachen den täglichen Superstau. Wenn man so will, ein Menetekel  des Endkapitalismus. Die Werktätigen haben sich offensichtlich an die Autoquarantäne gewöhnt. Vielleicht sind Staus auch eine kleine Pause von der Zentrifuge, die man Familie nennt, von derem freudigen Kokon eine täglich-kleine Auszeit aufatmen lässt, das frage ich mich? Doch heute unter der Corona-Käseglocke und die mich womöglich für die nächsten Monate fixiert, gerät der Stillstand nicht nur im Häuslichen sondern auch draußen in der Konsumwelt zu einer nie geahnten Vollbremsung des Daseins. So hocke ich in meinem Häuschen, schaue hinaus auf verlassene Wege, Straßen und Plätze. Wer in einer solchen Situation nicht zu sich selbst findet, zur Ruhe kommt, der hat sein Leben womöglich verwirkt. Er hat sich offensichtlich nur um Äußerlichkeiten gekümmert, mit seinen Tweeds die Welt umrundet, alles gefunden nur nicht zu sich selbst, weil da nichts Greifbares vorzufinden ist. Davon bin ich, hoffentlich mit Maßen auch selbst betroffen. Damit in aber meinem Gartenhäuschen  kein Trübsinn um sich greift behelfe mir mit dem Üben der Querflöte. Und dann gibt es noch den schönen Begriff Kollateralnutzen, frei nach den Gesetzen der einer Philosophie der Gegensätze, die man bei Heraklit erfahren kann. Um in diese Welt einzutauchen begebe ich mich in meiner Datscha  ein Stockwerk tiefer. Dort wurden in den letzten Tage alle Bücher sortiert und ich kann mich nun einer geordneten Bibliothek erfreuen. Obwohl es oben heller ist, durch übermannshohe Fenster durchflutet die Sonne in den ganzen Raum, zieht es mich immer wieder die Treppe hinunter, die irgendwie an eine Hühnerleiter erinnert. Diese Unbequemlichkeit veranlasst, dass ich mich nur ungern wieder hinaufquäle. Das gedämpfte Licht der Bücherkatakombe verhilft jedem der sie betritt zu nachdenklichen Anmutung. Nicht, dass man keinen Ausblick hätte. Das Auge  sucht sich eine Bahn im dichten Grün. Durch deckenhohe Schiebescheiben, kommt der Garten entgegen. Er lässt kaum eine Fernsicht zu, da er mit Bäumen und Gebüsch mich vor dem Blick auf den Stuttgarter Kessel hindert. Irgend ein zynischer Philosophensekel sprach mal, man könne von der Höhe über Stuttgart wunderbar hinabsehen: hinab auf’s Elend der pietistischen Grube. Na ja, eine ziemlich misslaunige Übertreibung.

Alle Leute, auch meine Nachbarn schätzen komischerweise den Ausblick, aber zumindest in meiner Bibliothek geht es vornehmlich um Einblicke. Der von der demokratischen Regierung momentan übergestülpte Totalitarismus wird von vielen Bekannten, die sich Sozialer Medien ausliefern, als Diktatur empfunden. So ist es auch, aber ich sehe ein, dass der Coronavirus wirklich demokratisch jeden berücksichtigt. Totale Demokratie ist längst nicht der Hype mit dem uns das Internet behämmert. Ein bisschen Diktatur dagegen zu setzen wird schon hilfreich sein. Letztlich ist die Spaßgesellschaft nun in ihr höchstpersönliches Gulag eingewiesen. Jetzt muss man insichgehen, und wie bereits angedeutet, ist da womöglich gar nix.
Die hohe Zeit der Selbstbeschäftigung hat begonnen, wenngleich auch viele die Chance nicht nutzen wollen und sich vierzehn Stunden Corona-Fernsehen reinziehen.

Auf den letzte Drücker konnte ich mir im Internet noch einige zweimeterhohe Regale bestellen, die im Katalog auf den anschleimenden, wie harmlosen Namen “Billy” hören. Als Folge davon  lagern die Bücher nicht desparat in Ecken und auf dem Boden, oder in der zweiten und dritten Reihe in anderen Regalen. Die Bücher präsentieren sich nun stolz auf den ersten Blick. Es zeigt sich nun keine Wand im Untergeschoss, die nun nicht mit Bücher tapeziert wäre. Einige Bücher, jahreang nicht wahrgenommen, wollen mir zurufen: ” Guck mal ich bin auch noch da.” So finde ich die Rarität der Kant’schen Kritik der reinen Vernunft mit Originalsignatur. Einige Pergamentbände des Berliner Askanischen Verlags von 1922, darunter neben Ilias und Odyssee auch zwei dicke Klötze mit Pergamentrücken auf denen steht Faust. Zum einen die Jahrhundertausgabe zu Goethes Geburtstag und daneben die Ausgabe des “Faust”, mit eingedrucktem Kotau für Hermann Göring. Egal, trotzdem sehr schöne Bücher um nicht zu sagen Preziosen. Ich nehme mir fest vor, so bald wie möglich nach Knittlingen zu fahren. Es liegt weniger als eine Stunde etwas nördlich von Pforzheim. Allerdings, solcherlei “Kulturausfahrten” haben eine missliche Grundierung, etwas fehlt. Wenn man wenigstens an eiinem Stehimbiss einen Wurstsalat mit einer halben Bier erlaubt bekäme